Musikproduktion

Robert Smith und Quadrophenia.

Während ich in den 70ern mit Abba, Boney M. und deutschem Schlager im elterlichen Ford Taunus auf dem Weg Richtung Süden aufwuchs, fand meine eigentliche musikalische Sozialisierung wohl in den 80ern mit der Plattensammlung meines älteren Bruders statt. Damals hatte die Jugend diesen merkwürdigen Drang, sich in verschiedenen Szenen zu definieren und voneinander abzugrenzen: Punks hörten die Clash oder die Buzzcocks, Teddy Boys und Rockabillys die Stray Cats, Psychobillys standen hingegen auf die Meteors, während Rude Boys es mit den Specials hielten und so weiter. All das fand sich in der Plattensammlung meines Bruders.

So entschied ich mich eines Tages Mod zu sein. Obwohl ich noch eine Woche zuvor Robert Smith und The Cure vergötterte, musste ich nun zwangsläufig afroamerikanischen Soul aus den 60er Jahren hören – ob ich wollte oder nicht – als Mod war das jetzt Pflicht.

Vielleicht waren wir damals mit die Ersten, die sich auf eine Musik aus der Generation unserer Eltern bezogen – den Begriff „Retro“ nutzte man damals noch kaum – und Musik aus den 60ern klasse zu finden, war 1986 so mit das Abgefahrenste, was man tun konnte.

Aufnahmen mit „The Smashful Shapes“ (1991)

Im Grunde höre ich bis heute Marvin Gaye mit der Attitüde der Sex Pistols.

Und dennoch: Als ich als 16-Jähriger zum ersten Mal Arthur Conley „Sweet Soul Music“ in der NDR-Dokumentation „Mods – alles eine Frage des Stils“ performen sah, ist irgendetwas mit mir passiert. Ich hatte schon seit jeher eine ganz besondere Beziehung zur Musik, aber Conley stieß eine Energie aus – eine Mischung aus Ekstase knapp am Wahnsinn, gepaart mit einem tiefen Schmerz bei gleichzeitiger Lebensfreude, die ich bis heute spüren kann. Für mich war es wichtig, den Zugang zu dieser Musik über eine Subkultur zu bekommen – so war mir Jackie Wilson immer ein Stück weit näher als Otis Redding, oder Alice Clark einfach immer noch etwas größer als Aretha.

Für mich war Soul-Musik aber immer auch Chocolate Factory (World of the Lonely People), eine Mod-Band aus Hamburg, die ihre erste LP 1987 in einer kleinen Auflage auf dem Indie-Label eines Kumpels veröffentlichten. Immer Indie, niemals mit der Musikindustrie, darauf schwörten wir uns schon damals ein.

Im Grunde höre ich bis heute Marvin Gaye mit der Attitüde der Sex Pistols. Motown ist für mich gleichzeitig künstlerisch einer der Höhepunkte der Menschheitsgeschichte, zugleich aber auch der Anfang vom Ende einer jeden Kunst, mit Berry Gordy´s völlig überzogener Idee vom Rezipienten als Konsument, Zielgruppe und als Kunde.

mit Anna Gaden, 2013 (Fotos: Fabian Stürtz)

60s-Soul war nur der Anfang der Reise, später lernte ich auch all die anderen „Brüder und Schwestern“ des Genres lieben:

Salsa, Latin-Jazz, Bossa Nova, Highlife aus Ghana, Afrobeat aus Nigeria, äthiopischer Jazz und so weiter und so fort.

Wenn man über Jahrzehnte in Deutschland mit Künstlern im Bereich der Soul-Musik zusammenarbeitet, stößt man ganz zwangsläufig auf Lebensläufe, die zwischen Kulturen pendeln und oftmals Brüche umschiffen mussten.

Wenn man über Jahrzehnte in Deutschland mit Künstlern im Bereich der Soul-Musik zusammenarbeitet, stößt man ganz zwangsläufig auf Lebensläufe, die zwischen Kulturen pendeln und oftmals Brüche umschiffen mussten. So stellten sich irgendwann auch mir selbst diese Fragen nach Identität und einem musikalischen Zuhause. Kunst ist für mich generell immer nur dann spannend, wenn mir jemand etwas von sich selbst erzählt – jemand der eine Maske aufzieht oder in einem Cliché verharrt langweilt mich. Wie aber war das bei mir selber? Als Sohn einer deutsch-österreichischen Ehe kenne auch ich zumindest kleine „Brüchlein“.

Als 2007 Stefan Schwietert seinen großartigen Film „Heimatklänge“ in die Kinos brachte, nahm auch bei mir diese innere Diskussion Fahrt auf. So lernte ich beispielsweise die Musik von Alma aus Wien zu lieben. Oder Musiker wie den Südtiroler Herbert Pixner zu schätzen. Pixner bringt neben seiner grandiosen Technik auch eine unglaubliche Musikalität mit, so dass er mich in meinem ganz persönlichen musikalischen Kosmos an Jimmy Smith erinnert. Und ja, irgendwie versöhnten mich Alma und Pixner auch mit dem Musikgeschmack meiner Eltern und Großeltern.

Back on the Right Track.

Mit einigen Jahren Abstand kann ich heute aber sagen, dass eher meine Ausflüge in die alternative, österreichische, neue Volksmusik etwas aufgesetzt waren – vielleicht auch, weil ich gerne mit dem Ösi in mir kokettiere. Soul-Musik ist immer die Basis geblieben. Heute denke ich, dass es ein biologisches / familiäres / geografisches Zuhause und ein musikalisches Zuhause gibt – beides im Grunde aber nichts miteinander zu tun haben muss.

Eine tiefe Liebe zu einer Musik, die von Afroamerikaner*innen, Latinx und Afrikaner*innen geschaffen wurde, war für mich ein Tor, dass mein Leben in alle möglichen Richtungen – auch fernab der Musik – bereicherte und nach wie vor bereichert.

Discografie

1991

The Smashful Shapes „Turn it On“

7inch, Unique Records

1993

Family Vision Care „Same“

CD, Unique Records

2008

Family Vision Care „Careful“

CD / LP / Digital, Unique Records

2009

Shareholder Tom „Emotional Value“

CD / Digital, Soulplex Recordings

2009

Shareholder Tom feat. Fijori „Single Warrior“

7-inch, Soulplex Recordings

2009

Shareholder Tom feat. Travis Blaque „The Promise / Lisa, you have to Change“

7-inch, Büro.9 Music

2011

Shareholder Tom „Havanna, Asmara via Colonia“

CD / LP / Digital, Büro.9 Music

2011

Shareholder Tom feat. Alison Degbe „Wanna Dance / Cool Jerk / Ishhaga“

10-inch, Büro.9 Music

2012

Shareholder Tom „45 Minutes Out Of 25 Years“

CD / Digital, Büro.9 Music

2012

Shareholder Tom feat. Gary Harrison „Moving in Conjunction“

7-inch, Büro.9 Music

2012

Shareholder Tom feat. Gary Harrison „Vision of a Family / The Road“

Digital, Büro.9 Music

2013

Shareholder Tom feat. Dirk Schaadt „Highway To Hell“

7-inch, Büro.9 Music

2013

Batida de Colónia „Same“

CD / Digital, Büro.9 Music

2013

Shareholder Tom „Im Garten des Alltäglichen“

CD / Digital, Büro.9 Music

2015

Shareholder Tom „Ethiopian Girl“

CD / Digital, Büro.9 Music

2015

Batida de Colónia „Happy Hour“

Digital, Büro.9 Music

2015

Travis & Tom „The London Cologne Journeys of Travis Blaque & Shareholder Tom“

Digital, Büro.9 Music

2016

Shareholder Tom feat. Phyllis Funksoul „World of the Lonely People“

Digital, Büro.9 Music

2016

East African Krautjazz Alliance feat. Sami Gebremariam „Zemitaye“

Digital, Büro.9 Music

2017

East African Krautjazz Alliance feat. Sami Gebremariam „Tezeta“

Digital, Büro.9 Music

2018

Batida de Colónia „Boys Don´t Cry“

Digital, Büro.9 Music